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Anmeldungsdatum: 26.07.2006 Beiträge: 11712 Wohnort: Sanitz

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Verfasst am: 27 Jul 2006 22:51 Titel: Die ersten Terroristen! |
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Die ganze Welt quält und fürchtet sich vor dem Terrorismus. Woher kommt er? Wer führte ihn ein? Was waren das für Menschen und was wollten sie? Die ersten Terroristen gehen weit zurück, bis ins 11. Jahrhundert.
http://www.freenet.de/freenet/wissenschaft/geschichte/mittelalter/assassinen/index.html
Die ersten Terroristen
von Matthias Seng
Die Assassinen waren eine radikale, streng hierarchisch strukturierte muslimische Sekte. Ihr Ziel war es, das politische und gesellschaftliche System des islamischen Großreichs zu stürzen und eine neue, ihrer Auffassung nach Gott gerechte Ordnung zu etablieren. Über zwei Jahrhunderte hin stellten die Assassinen eine ernsthafte Bedrohung für die Stabilität des Kalifats dar, und es bedurfte des Einfalls mongolischer Reiterarmeen, um ihre Machtbastionen in Persien und Syrien zu zerstören.
Am 28. April 1192 ermordeten in der libanesischen Stadt Tyros als christliche Mönche verkleidete islamische Radikale den Markgrafen Konrad von Montferrat, König von Jerusalem. Die Attentäter machten nach vollbrachter Tat keine Anstalten zu fliehen, sondern bekannten sich vielmehr freimütig zu ihren Taten. Sie waren Mitglieder einer muslimischen Sekte, der Assassinen, die schon seit Ende des 11. Jahrhunderts unter ihren Gegnern Angst und Schrecken verbreitete.
Die Assassinen verübten Mordanschläge auf prominente muslimische Amts- und Würdenträger, ohne dabei auf ihr eigenes Leben Rücksicht zu nehmen. Die Mission der Assassinen war der Mord, die Belohnung der von ihren Führern versprochene Platz im Paradies.
Allerdings war das Attentat auf den fränkischen Kreuzritter kein mittelalterlicher Vorläufer eines "Kampfes der Kulturen", sondern Teil einer Macht- oder Realpolitik, wie sie von Christen und Muslimen gleichermaßen betrieben wurde – besonders innerhalb der jeweils eigenen Religionsgemeinschaft.
Zudem waren die Kreuzritter Aggressoren, ihre Invasionen religiös verbrämte Angriffskriege, gegen die sich Muslime jeder Richtung wehrten.
In diesem Kampf taten sich die Assassinen aber kaum hervor. Stattdessen richteten sich ihre politisch motivierten, religiös hinterlegten Mordanschläge fast ausschließlich gegen sunnitische Muslime. Die Sunniten vertraten die orthodoxe Hauptströmung des Islam und stellten die Kalifen, die Nachfolger des Propheten Mohammed und religiöse und politischen Oberhäupter des islamischen Großreichs.
Tyrannenmord als politische Strategie
Die Vorläufer der Assassinen hatten sich als Ismailiten um das Jahr 770 von den Schiiten abgespaltet, der kleineren der beiden Hauptströmungen des Islam. Gegen Ende des elften Jahrhunderts bildeten die Assassinen, deren Name aus einem syrischen Schimpfwort entstand, eine radikale Nebenströmung des Ismailismus. Ihre Hochburgen lagen im abgelegenen, bergigen Norden Persiens am Kaspischen Meer und in den unzugänglichen Gebirgsgegenden Syriens.
Auch wenn der Mord an dem fränkischen Kreuzfahrer der spektakulärste Mordanschlag der Assassinen war, richteten sich ihre Gewaltaktionen mehrheitlich gegen die sunnitische Orthodoxie. Die Assassinen verwendeten bei ihren Anschlägen immer nur Dolche. Mehr als zwei Jahrhunderte lang metzelten sie so Mitglieder der sunnitischen Machtelite hin, um den Regimesturz herbeizuführen.
Die Opfer der Assassinen waren Fürsten, Offiziere, hohe Beamte und sunnitische religiöse Würdenträger. Nach vollbrachter Tat versuchte kein Assassine zu entkommen, ja, es galt als schmählich, wenn der Mörder sein Opfer überlebte. Entweder wurden die Attentäter niedergemetzelt oder gefangen genommen.
Die Assassinen betrachteten ihre Taten als Tyrannenmorde. Diese waren zwar von Anfang an Teil der islamischen Tradition.
Aber keine religiös-politische Gruppierung vor den Assassinen hatte den Tyrannenmord als Teil einer systematischen, langfristig angelegten Strategie angewendet.
Die Morde entsprangen zumeist kühlem politischem Kalkül, denn in der autokratischen Herrschaftsform des islamischen Reiches war alle Macht personifiziert und lief letztlich auf den Kalifen oder, in machtpolitischen Krisenzeiten, auf die nächsthöheren Inhaber staatlicher Macht zu, wie den Wesiren (leitenden Ministern vergleichbar) oder den militärischen Oberbefehlshabern.
Das Ziel: Ein Gotteststaat auf Erden
Der Tod eines solchen mächtigen Mannes hinterließ fast immer ein Machtvakuum und führte oft genug zu Nachfolgekämpfen. Diese Schwäche der Gegner nutzten die Assassinen dann aus, um den eigenen Machtbereich zu vergrößern. Dabei verbanden sie geschickt Missionierung und kühl kalkulierte Machtpolitik miteinander.
Die Assassinen konnten immer wieder die weit verbreitete Unzufriedenheit vor allem der armen Bevölkerungsschichten mit wirtschaftlichen oder politischen Verhältnissen ausnutzen. Anfangs übten ihre Ideologie, ihre straffe Organisation und der absolute Gehorsam ihren Führern gegenüber eine große Anziehungskraft auf viele Menschen aus. Dazu kam, dass ihr Terror kein wahlloser war, denn mit ihren sunnitischen Nachbarn lebten die ismailitisch-assasinischen Gemeinden meistens in friedlicher Nachbarschaft.
Das politische Programm der Assassinen bestand im politischen Umsturz und die Schaffung eines Gottesstaates auf Erden. Der ihrer Meinung nach wahre, unverfälschte Islam sollte so wieder belebt werden, und Frieden, Gerechtigkeit, Gleichheit und materieller Überfluss einkehren. Die Zentralfigur der ismailitisch-assassinischen Theologie war der Imam, eine Art geistiger und politischer Führer in Personalunion, der seine Herkunft in direkter Linie vom Propheten Mohammed ableiteten konnte.
Die Assassinen folgten in ihrer Vorgehensweise einem einfachen, aber wirkungsvollen Muster. Sie drangen in abgelegene, gebirgige Gegenden vor, in denen bereits ismalitische oder mit der Zentralregierung unzufriedene Bevölkerungsgruppen lebten. Als militärische Hauptquartiere dienten Bergfestungen, von denen aus die Sekte die Umgebung kontrollieren konnte. Auf diese Weise waren sie nur schwer angreifbar. Gesteuert wurden die Attentate von Nordpersien und Syrien aus.
Krieg gegen das Establishment
Die Bergfestung Alamut im Nordwesten Persiens war das theologische und machtpolitische Zentrum der Assassinen. In 1.800 Meter Höhe im Herzen des Elburs-Gebirges gelegen, beherrschten sie ein abgeschlossenes, fruchtbares Tal von etwa 50 Kilometern Länge und drei Kilometern Breite. Zur Burg führte nur ein schmaler, steiler Pfad, was sie praktisch uneinnehmbar machte. Von hier aus schickten die assassinischen Führer ihre gefürchteten Todeskommandos auf ihre Mord-Missionen.
In Alamut residierte von etwa 1090 bis zu seinem Tod im Jahr 1124 Hasan i Sabah, Begründer und wichtigster Führer der Sekte. Geboren in der persischen Stadt und Schiitenhochburg Qumm, radikalisierte sich Hasan schon in früher Jugend und wandte sich schließlich den Ismailiten zu. Nach der Zwischenstation Kairo, wo die ismailitische Fatimidendynastie herrschte und wo er in politischen Streit mit den Mächtigen geriet, gelangte er nach Persien. Dort scharte er schnell eine große Anhängerschar um sich und brachte sich in den Besitz von Alamut.
Von hier aus steuerte Hasan als unangefochtener Sektenführer mehr als dreißig Jahre lang die Geschicke der Assassinen. Er war allerdings das Gegenteil eines Räuberhauptmanns und Desperados, sondern ein gebildeter Mann: Theologe, Chefideologe, Missionar, politischer Führer und Mord-Auftraggeber in einer Person.
Noch zu Lebzeiten Hasans versuchten die Assassinen, auch in Syrien Fuß zu fassen. Hier gerieten sie mit den Kreuzfahrern in Berührung, hielten sich aber meistens aus den Konflikten zwischen diesen und den muslimischen Mächten der Gegend heraus.
Nach wie vor richteten sich ihre Anschläge nur gegen das sunnitische Establishment. So erstachen Assassinen im Jahr 1113 in Damaskus den Emir von Mosul, sechs Jahre später den Präfekten von Aleppo, 1121 den obersten ägyptischen Militär und 1130 schließlich den fatimidischen Kalifen al Amir, der als notorischer Assassinen-Hasser galt. Auf ihn hatte die Führung gleich zehn Attentäter angesetzt.
Attentate auf Saladin
Unter Sinan ibn Mohammed erreichte der syrische Ableger der Sekte in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts den Höhepunkt seiner Macht. Als "Alter vom Berge" errang Sinan bei seinen Anhängern einen legendären Ruf, bei seinen Gegnern löste die Erwähnung dieses namens Angst und Schrecken aus.
In Sinans "Regierungszeit" fiel auch der Anschlag auf Konrad von Montferrat. Spektakulärer aber waren die Attentatsversuche auf Saladin, den legendären Sultan von Ägypten und Syrien. Mindestens zweimal versuchten Assassinen, den Helden im "Heiligen Krieg" gegen die Kreuzfahrer zu töten. Saladin entwickelte schließlich ein ausgeklügeltes System, um den Dolchen der Assassinen zu entgehen: Er schlief in einem speziell konstruierten hölzernen Turm und verbot jedem, den er nicht persönlich kannte, sich ihm zu nähern.
Die sunnitischen Eliten versuchten in einer Art mittelalterlichem "Krieg gegen den Terror" der Bedrohung Herr zu werden. Ihre Propaganda verteufelte die Assassinen und brandmarkte sie als Gesetzlose, Banditen und Mörder.
Parallel dazu wurden immer wieder militärisch gegen die neuen Feinde vorgegangen. Sunnitische Heere rückten gegen die assasinischen Hochburgen vor und versuchten diese zu erobern. Das gelang manchmal, aber ein entscheidender Sieg über ihre Gegner, die ihre Anhänger auch unter den gebildeten städtischen Schichten hatten, gelang ihnen nicht. Zu groß war auch die geistige und spirituelle Anziehungskraft der Assassinen. Die wiederum rächten sich auf ihre Weise: mit neuen Attentaten gegen ihre Gegner.
Es waren dann bezeichnenderweise auch nicht die sunnitischen Kräfte, die den Assassinen die entscheidende Niederlage beibrachten, sondern die mongolischen Reiterheere, die neue Bedrohung aus dem Osten. Bei ihren Angriffen auf das islamische Großreich fielen die Heere Dschingis Kahns auch über die assassinischen Festungen her, die sich dem Ansturm schließlich nicht mehr gewachsen zeigten.
Die Zerstörung der Alamuts im Jahr 1258 markierte den Niedergang der assassinischen Macht. In Syrien hielt sich die Sekte noch etwas länger. Hier waren es die Mamelucken, Nachfahren von türkischen, kaukasischen undslawischen Militärsklaven, die das Ende der Sekte einleiteten. Als sie im Jahr 1273 die letzte Festung eroberten, unterwarfen sich die Assassinen schließlich den neuen Herren.
Damit war die Bewegung komplett gescheitert. Es war ihr nicht gelungen, die bestehende Ordnung zu stürzen. Selbst auf dem Höhepunkt ihrer Macht hatten sie nur kleine, abgelegene Gebiete des riesigen islamischen Reiches kontrollieren können. Keine einzige größere Stadt war in die Hände der Assassinen gefallen.
Die Mehrheit der muslimischen Bevölkerung hatten sie niemals für ihre extremen Ziele gewinnen können. Dafür waren auch ihre radikalen Methoden verantwortlich, die nur anfangs eine gewisse Anziehungskraft ausübten. Je mehr Menschen aber den assassinischen Dolchen zum Opfer fielen, umso größer wurde die allgemeine Empörung über die Morde.
Heute noch leben Nachfahren der Sekte in ihren angestammten Siedlungsgebieten. Eine Bedrohung für die staatliche Macht, wie ihre mittelalterlichen Vorfahren, stellen sie aber nicht mehr dar.
Für die Auseinandersetzung mit den radikalen und gewaltbereiten Islamisten macht das historische Beispiel Mut. Denn genau wie ihre mittelalterlichen Vorgänger sind auch die heutigen Terrororganisationen weit davon entfernt, unter den Muslimen massenhafte Unterstützung für ihre politischen Vorstellungen und ihre Gräueltaten zu finden. _________________ Ein Mensch wird mit vielen Persönlichkeiten geboren, und stirbt als eine Persönlichkeit. |
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